Kino und Tourismus: Wenn das Reisen zur Hauptfigur wird
Source: Midjourney

Kino und Tourismus: Wenn das Reisen zur Hauptfigur wird

Die Szene ist vielen bekannt: Audrey Hepburn streift in der Rolle der Prinzessin Anna gemeinsam mit Gregory Peck durch die Straßen Roms. Die Spanische Treppe, die Bocca della Verità, das Kolosseum. Ein Herz und eine Krone (Roman Holiday, 1953) verwandelt die Ewige Stadt in eine Bühne, auf der sich romantische Komödie und Sehnsucht nach Freiheit miteinander verweben. Der Film von William Wyler verdichtet ein Bild von Rom, das bis heute fortwirkt: elegant, lichtdurchflutet, voller Versprechen. Es handelt sich dabei nicht nur um filmische Fiktion. Nach dem Erscheinen des Films verzeichnet der Tourismus in die italienische Hauptstadt einen deutlichen Anstieg. Menschen wollen dieselben Orte aufsuchen, auf derselben Vespa Platz nehmen, ein Eis vor dem Trevi-Brunnen genießen.

Dieser Mechanismus – die Fähigkeit des Kinos, touristische Ströme zu lenken – hat sich im Laufe der Jahrzehnte verfestigt und komplexe Phänomene hervorgebracht, die einer differenzierten Analyse bedürfen. Das Verhältnis zwischen Kino und Tourismus ist nicht eindimensional: Einerseits nähren Filme das kollektive Imaginäre und motivieren Zuschauerinnen und Zuschauer, bestimmte Reiseziele zu besuchen; andererseits beeinflusst der Tourismus selbst zunehmend die Produktions- und Erzählentscheidungen der Filmindustrie.

Das Set als Reiseziel

Der Begriff film-induced tourism taucht in der wissenschaftlichen Literatur ab den 1990er-Jahren auf. Riley, Baker und Van Doren veröffentlichen 1998 einen Artikel in der Zeitschrift Annals of Tourism Research, in dem sie dokumentieren, wie die Präsenz eines filmischen Drehortes die Besucherzahlen einer Region steigern kann. Anhand mehrerer Fallstudien zeigen die Forschenden, dass dieser Effekt nicht auf große Hollywoodproduktionen beschränkt ist, sondern auch unabhängige Filme und Fernsehserien betrifft.

Neuseeland stellt möglicherweise das eindrücklichste Beispiel für diese Dynamik dar. Vor dem Erscheinen der Herr der Ringe-Trilogie (2001–2003) lag das Land abseits der wichtigsten touristischen Routen. Die Filme von Peter Jackson verwandeln die neuseeländischen Landschaften in mythische Orte: Hobbingen, Mordor und Mittelerde nehmen Gestalt an zwischen grünen Hügeln und schroffen Gebirgen. Die neuseeländische Regierung erkennt das Potenzial und investiert in Marketingkampagnen, die das Territorium explizit mit den Filmschauplätzen verknüpfen. Die Zahlen sprechen für sich: Zwischen 2000 und 2006 steigt die Zahl der internationalen Touristinnen und Touristen um 50 %, mit besonders starkem Wachstum aus entfernten Märkten wie den USA und dem Vereinigten Königreich (Tourism New Zealand, 2007).

Die Drehorte werden zu dauerhaften Attraktionen. In Matamata wird das Set von Hobbingen zu einem Themenpark ausgebaut, der jährlich Hunderttausende Besucherinnen und Besucher anzieht. Das Phänomen setzt sich mit Der Hobbit (2012–2014) und später mit der Serie Die Ringe der Macht (2022) fort.

Imaginierte Geografien

Das Kino beschränkt sich nicht darauf, bestehende Orte abzubilden: Es interpretiert sie neu, lädt sie mit Bedeutungen auf und verwandelt sie in symbolische Räume. Dieser Prozess hat weitreichende Auswirkungen darauf, wie Touristinnen und Touristen Reiseziele wahrnehmen und erleben. Die britische Forscherin Sue Beeton spricht von film-induced expectations, also Erwartungen, die durch filmische Darstellungen erzeugt werden und nicht immer mit der Realität eines Ortes übereinstimmen (Beeton, 2005).

Gladiator (2000) von Ridley Scott bietet hierfür ein aufschlussreiches Beispiel. Obwohl der Film überwiegend in Rom angesiedelt ist, wurde er größtenteils in Marokko und Malta gedreht. Das Kolosseum erscheint in Sequenzen, die mithilfe digitaler Effekte erzeugt wurden. Dennoch reisen viele Besucherinnen und Besucher nach Rom in der Hoffnung, die Atmosphäre des Films wiederzuerkennen – oft mit enttäuschendem Ergebnis. Die Diskrepanz zwischen filmischem Bild und direkter Erfahrung erzeugt eine wahrnehmungsbezogene Irritation, die sich auf die Zufriedenheit der Reisenden auswirkt.

Einige Orte nutzen diese Diskrepanz kreativ. Dubrovnik in Kroatien wird für Fans von Game of Thrones (2011–2019) zu Königsmund. Die Adriastadt bietet geführte Touren zu den Drehorten der Serie an, obwohl die Handlung in einer fiktiven Fantasywelt ohne Bezug zur kroatischen Geschichte spielt. Die Touristinnen und Touristen akzeptieren diese Überlagerung bereitwillig – ein Hinweis darauf, wie sehr das filmische Imaginäre die tatsächliche historische Geografie überlagern kann.

Die Industrie der Authentizität

Der Erfolg des film-induced tourism hat zahlreiche lokale Verwaltungen und Tourismusorganisationen dazu veranlasst, aktiv Kooperationen mit Filmproduktionen zu suchen. Film Commissions entstehen genau zu diesem Zweck: Sie sollen Produktionen anziehen, indem sie steuerliche Anreize, logistische Erleichterungen und organisatorische Unterstützung bieten. Island, Schottland und Nordirland haben erhebliche Mittel investiert, um sich als attraktive Drehorte für die audiovisuelle Industrie zu positionieren.

Braveheart (1995) wurde überwiegend in Schottland und Irland gedreht und trug zur Wiederbelebung des Tourismus in den schottischen Highlands bei. Auch hier tritt historische Genauigkeit in den Hintergrund: Viele Szenen sind an Orten angesiedelt, die nicht mit den dargestellten historischen Ereignissen übereinstimmen. Dennoch strömen Besucherinnen und Besucher weiterhin in die Region – weniger aus Interesse an historiografischer Präzision als an der filmischen Suggestion.

Dieses Phänomen wirft ethische und kulturelle Fragen auf. Kim und Richardson weisen in einer 2003 in Tourism Management veröffentlichten Studie darauf hin, dass sich manche lokalen Gemeinschaften durch diese Dynamik instrumentalisiert fühlen. Die ansässige Bevölkerung erlebt, wie ihr Lebensraum zu einem touristischen Produkt wird, das externen Logiken folgt, wobei sie oft die Kontrolle über die Erzählung der eigenen kulturellen Identität verliert.

Der Tourist als Zuschauer

Wer sind die Menschen, die ein Reiseziel aufgrund eines Films besuchen? Studien zeigen, dass es sich um ein heterogenes Segment handelt. Macionis unterscheidet verschiedene Typen von film tourists: von den serendipitous film tourists, die den filmischen Bezug zufällig während ihres Aufenthalts entdecken, bis hin zu den specific film tourists, die ihre gesamte Reise gezielt um die Drehorte eines bestimmten Films herum planen (Macionis, 2004).

Notting Hill (1999) hat das gleichnamige Londoner Viertel zu einem Pilgerort für Fans romantischer Komödien gemacht. Die im Film gezeigte Reiseliteraturbuchhandlung The Travel Book Shop existiert tatsächlich (auch wenn die Fassade für die Dreharbeiten verändert wurde). Noch heute suchen Touristinnen und Touristen die berühmte blaue Tür, fotografieren sich vor dem Schaufenster und versuchen, die Atmosphäre des Films nachzuerleben. Das Viertel musste sich an diese Besucherströme anpassen – mit ambivalenten Folgen für die Anwohnerinnen und Anwohner.

Die Suche nach Authentizität – ein zentrales Konzept der Tourismusforschung – nimmt hier paradoxe Züge an. Besucherinnen und Besucher streben nach einer „authentischen“ Erfahrung von Orten, die sie zunächst durch eine inhärent künstliche filmische Darstellung kennengelernt haben. Der Tourismussociologe Dean MacCannell spricht in diesem Zusammenhang von staged authenticity: einer inszenierten Authentizität, die den Erwartungen der Gäste entspricht, obwohl sie bewusst konstruiert ist (MacCannell, 1973).

Fernsehserien und neue Geografien

Mit dem Aufkommen von Streaming-Plattformen hat sich dieses Phänomen weiter verstärkt. Fernsehserien erzeugen durch ihre lange Laufzeit und ihre immersive Erzählweise besonders intensive Bindungen zwischen Publikum und Schauplätzen. Breaking Bad (2008–2013) machte Albuquerque in New Mexico zu einem unerwarteten Reiseziel. Das Haus von Walter White zieht jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher an, was die tatsächlichen Eigentümer dazu zwang, einen Zaun zum Schutz ihrer Privatsphäre zu errichten.

Stranger Things (seit 2016) hatte eine ähnliche Wirkung auf verschiedene Drehorte in den USA, insbesondere im Bundesstaat Georgia, wo viele Szenen entstanden. Die Stadt Jackson in Georgia verzeichnete einen deutlichen Anstieg von Besucherinnen und Besuchern, die die Schauplätze der Serie sehen wollten. Auch hier überlagert die Fiktion die Realität: Die Serie spielt im Indiana der 1980er-Jahre, wurde jedoch an anderen Orten und in der Gegenwart gedreht.

Nachhaltigkeit und Overtourism

Der Erfolg des film-induced tourism bringt auch Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit mit sich. The Beach (2000) mit Leonardo DiCaprio ist auf der thailändischen Insel Phi Phi Leh angesiedelt. Nach dem Kinostart stieg die Zahl der Besucherinnen und Besucher exponentiell an, was erhebliche ökologische Schäden im Ökosystem der Maya Bay verursachte. 2018 entschieden die thailändischen Behörden, den Strand vorübergehend zu schließen, um die Erholung der Korallenriffe und der Vegetation zu ermöglichen.

Der thailändische Fall verdeutlicht die Notwendigkeit, filmisch induzierte Tourismusströme sorgfältiger zu steuern. Einige Destinationen haben begonnen, Zugangsbeschränkungen, zeitliche Limits und verpflichtende Routen einzuführen, um die Besucher besser über das Gebiet zu verteilen.

Vorläufige Schlussfolgerungen

Das Verhältnis zwischen Kino und Tourismus befindet sich in stetigem Wandel und ist eng mit neuen Technologien, globalen kulturellen Dynamiken sowie sozialen und ökologischen Fragestellungen verknüpft. Filmproduktionen bleiben äußerst wirkungsvolle Instrumente des territorialen Brandings und des Destinationsmarketings. Die Herausforderung für lokale Gemeinschaften besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Chancen, kultureller Bewahrung und Nachhaltigkeit zu finden. Das Kino zeichnet weiterhin imaginäre Landkarten, denen Millionen von Menschen folgen. Prinzessin Anna und Joe Bradley durchqueren auch heute noch täglich die Straßen Roms – begleitet von Touristinnen und Touristen, die versuchen, ein Fragment jener Fiktion einzufangen, die für viele realer geworden ist als die Realität selbst.

Quellen

  • Beeton, S. (2005). Film-Induced Tourism. Channel View Publications.
  • Kim, H., & Richardson, S. L. (2003). Motion picture impacts on destination images. Annals of Tourism Research, 30(1), 216-237.
  • MacCannell, D. (1973). Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in Tourist Settings. American Journal of Sociology, 79(3), 589-603.
  • Macionis, N. (2004). Understanding the Film-Induced Tourist. In W. Frost, G. Croy, & S. Beeton (Eds.), International Tourism and Media Conference Proceedings. Tourism Research Unit, Monash University.
  • Riley, R., Baker, D., & Van Doren, C. S. (1998). Movie Induced Tourism. Annals of Tourism Research, 25(4), 919-935.
  • Tourism New Zealand (2007). The Lord of the Rings Market Research Summary Report. Wellington: Tourism New Zealand.

Eine Auswahl ikonischer Filme nach Kontinenten: Wenn das Reisen zur Hauptfigur wird

Europa

  • Caro diario (Italien, 1993)

  • L’Auberge espagnole (Frankreich/Spanien, 2002)

  • Before Sunrise (USA/Österreich/Schweiz, 1995)

  • Sans toit ni loi (Vagabond, Frankreich, 1985)

  • In a World… with Jacqueline (Irland/Frankreich, 2010)

  • The Trip (Vereinigtes Königreich, 2010)

Asien

  • Tokyo-Ga (Deutschland/USA, 1985)

  • The Darjeeling Limited (USA, 2007)

  • Cyclo (Vietnam/Frankreich/Hongkong, 1995)

  • Lost in Translation (USA/Japan, 2003)

  • Ilo Ilo (Singapur, 2013)

Afrika

  • Timbuktu (Frankreich/Mauretanien, 2014)

  • The Sheltering Sky (Der Himmel über der Wüste, Italien/UK, 1990)

  • The Siege of Jadotville (Irland, 2016)

  • Hyènes (Senegal/Frankreich/Schweiz, 1992)

  • Queen of Katwe (USA, 2016)

Nordamerika

  • Easy Rider (USA, 1969)

  • Into the Wild (USA, 2007)

  • Paris, Texas (Deutschland/Frankreich/UK/USA, 1984)

  • Nomadland (USA, 2020)

  • The Overnighters (USA, 2014)

Südamerika

  • Diarios de motocicleta (Die Reise des jungen Che, Argentinien/Chile, 2004)

  • La estrategia del caracol (Kolumbien, 1993)

  • Central do Brasil (Brasilien/Frankreich, 1998)

  • Whisky (Uruguay/Argentinien, 2004)

  • El abrazo de la serpiente (Kolumbien/Venezuela/Argentinien, 2015)

Ozeanien

  • Picnic at Hanging Rock (Australien, 1975)

  • The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert (Australien, 1994)

  • Whale Rider (Neuseeland, 2002)

  • Tracks (Australien, 2013)

 

Roland Hochstrasser

 

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